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19.Treffen der Jean Gebser Gesellschaft
24.03.2017


«Die äussere und die innere Welt kennengelernt ...»


Dieses Mal war es Heidi Hohl aus St. Gallen, ein langjähriges Mitglied der Jean Gebser Gesellschaft, die den rund 30 Anwesenden in ihrem faszinierenden Referat «Das Sandspiel, ein Weg zur Selbstfindung» vorstellte.
Heidi Hohl hatte nach ihrer Ausbildung zur Primarlehrerin und als Studentin am C.-G.-Jung-Institut das Glück, Jean Gebser in den letzten zwei Jahren vor seinem Tod persönlich kennen zu lernen. Mit seiner Frau Jo verband sie auch später eine tiefe Freundschaft. Beeinflusst durch Gebsers Schriften zur Entwicklung und Intensivierung der Bewusstseinsstrukturen begann sie als Schulische Heilpädagogin und Primarlehrerin an einer Einführungsklasse in St. Gallen neue und noch vielfach unbekannte Wege des Lehrens und Lernens zu gehen. Einer dieser Wege ist das Sandspiel.

Die Bedeutung des bildhaften, symbolischen Denkens
Zu Beginn ihres Referates stellt Heidi Hohl einige grundlegende Gedanken zu ihrer Arbeit vor. Für sie bedeutet Erziehung e-ducare, d. h. ein Hinausführen – die Grenzen wegnehmen. Aufgabe der Lehrperson ist also, dem Kind zu helfen, eigene innere und äussere Grenzen zu erkennen, umzuwandeln. Als Basis für ihren Unterricht diente ihr das Sandspiel, das von Dora Kalff am C. G. Jung-Institut entwickelt wurde und in der Kinder- und Erwachsenentherapie angewandt wird. Für jedes einzelne Kind stand ein blau ausgemalter Sandkasten (etwa 50x70x7 cm) bereit. Auf Gestellen gab es unzählige Objekte aus der Natur und Gegenstände aus allen Kulturen der Welt, auch kostbare und zerbrechliche Dinge, die die Kinder frei benutzen durften. «Das Sandspiel ist ein rein psychologisches Spiel», hält Heidi Hohl fest, das Kind braucht nichts vom Hintergrund der Symbolgegenstände zu wissen. Im Gegenteil: Wissen kann oft einengen. Die Figuren sollen archetypisch wirken. Der freie Umgang mit Symbolen fördert die Kreativität und die Intuition. An diesem Punkt bezieht sie sich auf die Erkenntnisse von Jean Gebser: Das bildhafte, symbolische Denken entspricht der mythischen Bewusstseinsstruktur. In der effizienten mythischen Struktur entdeckt der Mensch – und von der individuellen Entwicklung her gesehen das vier- bis zehnjährige Kind – die Seele, das heisst die eigene Innenwelt. Gefühle werden bewusst, negative und positive; sie werden nicht bewertet, denn sie gehören zum Menschen. In Märchen, Symbolen und Mythen kann sich das Kind mit Helden und Prinzessinnen identifizieren und über deren Aufgaben den eigenen Weg finden. Die Bilderschaffung im Sandspiel ist wie ein psychologischer Spiegel, in dem das Kind sich selber kennen lernen kann. Und indem es sich selber kennen lernt, wird es glücklich und zufrieden mit sich selber und mit der Umwelt, es ist im Einklang mit sich und das wirkt sich auf die Lernsituation aus.






 


Alles ist wertfrei (in der Welt der Symbole) …
Viele Kinder erleiden heutzutage, wo der Unterricht viel zu früh und viel zu stark auf Begriffe ohne Bedeutung und Inhalt fokussiert ist, einen Mangel an effizienten mythischen Bildern. Dem kann das Sandspiel entgegenwirken. An zwei Beispielen – das heisst an zwei Serien von Sandbildern von zwei Kindern – zeigt Heidi Hohl auf, wie über die Arbeit im Sandkasten der Zugang zu den eigenen inneren Welten und zu eigenen Träumen freigelegt werden kann. Der Umgang mit Symbolen wirkt heilend, darauf hatte schon C.G. Jung hingewiesen. Oft auch ist ein direkter Transfer von Kompetenzen festzustellen: Die Fähigkeit des Sich-Konzentrierens auf das Sandspiel ermöglicht und fördert die Konzentration in der Schule. Mit Hilfe des Sandspiels kann ein Kind sich selber helfen. Sein Unterbewusstes führt es, wenn dies die Erziehenden zulassen – davon ist Heidi nach jahrelanger Erfahrung überzeugt.
Die erschaffenen Werke wurden mit allen Kindern anteilnehmend und wertfrei betrachtet. Diese «Selbstreflexion» nach dem Sandspiel ist eminent wichtig, und es ist berührend zu hören, wie es den Schülern gelang, die eigene Arbeit am Sandkasten mit dem Kontext der Märchen und mythischen Geschichten, die Heidi erzählte, zu verknüpfen und das für sie Wichtige in diesem Prozess des bildhaften Schaffens herauszuschälen: «… ich habe die äussere und die innere Welt kennengelernt …»
Die Fragerunde, die sich an ihren Vortrag anschliesst, wird eifrig benutzt. Was erstaunt und zu ungläubiger Nachfrage Anlass gibt, ist vor allem die Disziplin und die Sorgfalt der Kinder im Umgang mit der Vielzahl und der Kostbarkeit der bereit gestellten Gegenstände. Heidi Hohl erläutert dazu: «Natürlich wurden die Kinder beim Eintritt in die neue Klasse in das Spiel und gewisse dazu gehörende Verhaltensregeln eingeführt. Manchmal konnte es vorkommen, dass zwei Kinder den gleichen Gegenstand haben wollten. Dies nahm ich zum Anlass, die Kinder Schritt für Schritt zu lehren, wie ein Konflikt konstruktiv gelöst werden kann, so dass am Schluss jedes der beiden Kinder mit der Lösung, die sie mit der Zeit selber fanden, zufrieden war.»
Für mich persönlich ist das auch ein Hinweis auf eine grundlegende Frage in der Pädagogik: es ist die Person, ihre innere Haltung, ihr Engagement, die einer «Methode" ihren (zusätzlichen) Wert verleiht. Heidi Hohls Weg war der Weg mit Kindern, das war ihr schon in früher Jugend klar. Und alles, was folgte, konnte sie mit einem Wort von Jean Gebser verbinden: «Alles uns Geschehende ist eine Herausforderung.»


Eva Johner

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