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Eveline Blum: Der Kleine Guru. Ein spiritueller Zeitenwende-Roman.

«<Slow down!> Die Stimme war plötzlich da. Ich wusste nicht, woher sie kam. Sie schien in meinem Kopf zu sitzen, doch es war anders als Denken. Ich hörte die Stimme, und sie sprach Englisch.» Nach langem Hin und Her – < Spinne ich jetzt oder bilde ich mir das alles nur ein?> – beginnt die Ich-Erzählerin Lisa einen Dialog mit der inneren Stimme, die sich als Der Kleine Guru vorstellt. Er sei immer für sie da, sagt er und stupst Lisa sanft, aber beharrlich an, ihr Leben in einem neuen Licht zu sehen. In der Folge beginnt sich Lisas Alltag zu verändern. Sie trifft unerwartet ihre einst grosse Liebe wieder. Dann wird ihr von einem Unbekannten ein geheimnisvolles Manuskript zugespielt, in dem von Zeitenwende die Rede ist, von einem Bewusstseinswandel der Menschen, der jetzt stattfände und so ziemlich alles aufrüttle oder niederreisse, was nicht mehr passe in die Neue Zeit. Und genau so fühlt sich Lisa: Als ob sie der Kleine Guru in eine neue Zeit und ein neues Leben führen würde.

Die terrestrischen Schauplätze des sprachlich überzeugenden Romans liegen in der Stadt Bern und im Berner Oberland, was dem einheimischen Leser das Bewahren der eigenen Bodenhaftung erleichtert. Um alle Fragezeichen herum, die bereits beim Begriff «innere Stimme» auftauchen könnten, wird die Geschichte seriös und frei von esoterischem Kitsch entwickelt. Das enorme Wissen und die Selbsterfahrung der Autorin im Bereich Bewusstseinsentwicklung werden deutlich. Die Lektüre gerät dem Leser auch zum Selbsttest: Kann ich die Möglichkeit der Existenz anderer Sphären und höherer Wesen anerkennen, auch wenn sich deren Manifestationen bisher aus meinem Bewusstsein und Alltag herausgehalten haben? Oder rasselt beim ersten Rencontre mit «Channeling» oder «Lichtwesen» gleich das rationale Fallgatter herunter? Wer diese Prüfung besteht – nötigenfalls via Schublade Science Fiction (die darf alles) – und sich von der Handlung weiter tragen lässt, wird am Schluss mit einer überraschenden Frage belohnt.

Rainer Maria Rilke hat im Augenblick der Niederschrift der ersten Verse der Duineser Elegien diese Dichtung nicht als eigenes Werk erlebt, sondern als Folge eines Zurufs der Engel. Engel seien Manifestatoren eines «Weltinnenraums»; ein Weltinnenraum, der, – nach einer Elegie Rilkes – «durch alle Wesen reicht», an den alle Menschen Anschluss haben (können) und der als eine Art «Innerlichkeitskosmos» alles, was ist, mit allem verbindet.
«Zeitenwende», «Bewusstseinswandel»: das erinnert an Gebsers Vision (nicht: Prophezeiung) eines Integralen Bewusstseins, das wir trotz unübersehbaren Anzeichen erst erahnen können. «Denn immer sind wir | voller Wandlung | zu dem unterwegs, | was uns übersteigt: | so wie die Inseln das Meer, | die Berge die Täler, | die Liebe die Herzen | sattsam und hell übersteigen.» Jean Gebser, Inselgedicht.

Eveline Blum, 1957 in Zürich geboren, lebt seit 1981 in Bern. Schreiben ist ebenso ihre Leidenschaft wie die Erforschung von Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und Wirklichkeit. Sie praktiziert seit dreissig Jahren Yoga und war Schülerin von verschiedenen spirituellen Lehrerinnen und Lehrern. An der Gebsertagung 2006 trug sie Gedichte in einer Sprache vor, die manche Gäste aus Deutschland für einen schweizerischen Dialekt hielten (was es nicht war). Blum nannte sie «meine Seelensprache» – eine Sprache, die man unmittelbar versteht und doch nicht versteht: man weiss, oder besser, man ahnt, fühlt, was sie bedeutet, was die Sprecherin sagen will, auch wenn die Silben keinen Sinn ergeben.

Hans Peter Wermuth

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