Kurzbiografie

Begegnung

Ausstellung 2005

Spuren in Bern



Ich habe Jean Gebser in den allerletzten Jahren seines
Lebens kennengelernt und war damals ein junger Student. Jean Gebser ist mir als Mensch begegnet, der in mir eine Schicht bewusst ansprach, welche ich damals noch gar nicht kannte, der im Gespräch eine Komponente meiner Person weckte, die sonst im Umgang mit Menschen meist unangesprochen bleibt. Oft hatte ich den Eindruck, dass Jean Gebser bei mir, aber auch bel anderen Menschen, nicht auf das einging, was uns vordergründig so wichtig war und mit dem wir uns identifizierten; er sprach zu etwas anderem in uns, das er erkannte und allein für wesentlich hielt. Was anderes als eine ichfreie Menschenliebe ist imstande, auf diese Art die Menschen zu sehen, ihr Wesen zu erkennen und zu wecken? Damals merkte ich nur, dass der Umgang mit diesem Menschen auf eine nährende Art wohltat, heute verstehe ich besser, wie es gemeint war. Oft fiel mir auf, dass er Fragen nicht direkt beantwortete, zum Teil auf fast verwirrend unerwartete Weise von etwas anderem sprach. Ich merkte dann hinterher, dass er nicht auf die Frage antwortete, sondern auf mich.

Etwas anderes, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an Jean Gebser denke, ist die festliche Atmosphäre, die er verbreitete. Das rührt nicht einfach daher, dass er einen guten Wein, erlesenes Essen und schöngearbeitete Bücher liebte und überhaupt ein besonderes Auge für alles Schöne besass, es war mehr als das: eine festliche Gestimmtheit, ein ansteckendes Lachen, eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit, eine heitere Lebendigkeit, der man sich nicht entziehen konnte. In seiner Umgebung konnte man sich und seine sogenannten Probleme nicht mehr völlig ernst nehmen, man bekam Abstand zu sich, man lernte von sich abzusehen, aufzublicken und gegenwärtig den Augenblick zu erleben und zu geniessen. Jean Gebser lebte zwar in seinen letzten Jahren still und zurückgezogen, obwohl er mit vielen Menschen im Kontakt stand, aber er war nie verbittert und nie asketisch ernst. –

Diese Heiterkeit strahlte Jean Gebser aus, obwohl er in den letzten Jahren so krank war, dass es ihn manchmal schon
erschöpfte, von seinem Sessel aufzustehen und in ein anderes Zimmer zu gehen. Ich hatte trotz dieser Krankheit nie den Eindruck, einen kranken Mann vor mir zu sehen, im Gegenteil, eine stärkende und belebende Kraft ging von ihm aus.




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September 1972



Ich war in der Woche vor seinem Tod mehrere Male bei ihm. Wie dieser Mensch gestorben ist, hat einen bleibenden Eindruck in mir hinterlassen. In seiner Autobiographie <Die schlafenden Jahre> schreibt er an einer Stelle, dass der Mensch schreiend geboren werde, aber lächelnd sterben solle. Von mir jedenfalls hat Jean Gebser in jener Woche mit Humor Abschied genommen. Bei meinem allerletzten Besuch, wo er kaum mehr sprechen konnte, gab er mir einen Zettel, worauf er geschrieben hatte: <gift (engl.)–Gift (de),. So also sah er seine Krankheit: als Gift, aber auch als Geschenk.

Rudolf Hämmerli